Tanz der seligen Geister

Erzählung von Alice Munro

dt. 2010 (Dörlemann, Zürich), engl.  Orig.: „Dance of the Happy Shades“, 1968

„Miss Marsalles gibt wieder ein Fest.“ – Jedes Jahr tut sie das und sie lädt ihre Klavierschülerinnen und -schüler dazu ein, sowie deren Mütter, die auch schon bei ihr im Unterricht waren. Früher „in Rosdale verlief das jährliche Fest gar nicht so schlecht.“ „Die Darbietungen auf dem Klavier waren überlicherweise fahrig und abgehackt oder missmutig und geistlos, mit der gelegentlichen Überraschung einer echten Katastrophe. Man war sich darin einig, das Miss Marsalles‘ idealitsiche Sicht der Kinder, ihre Naivität oder Blauäugigkeit ihnen gegenüber sie als Lehrerin nahezu untauglich machten.“ (Fischer-Tb., S. 363)

Und nun das: „Ein Mädchen, so groß wie ich, ein langbeiniges, knochiges und schwermütig aussehendes Mädchen mit weißblonden Haaren streckt sich und steht vom Fußboden auf. Sie setzt sich auf die Bank, rückt hin und her, streift die langen Haare hinter die Ohren und fängt an zu spielen.“ […] „Was sie spielt, ist mir unbekannt. Es ist etwas Zartes, Höfisches und Heiteres, und es herrscht darin die Freiheit eines großen, leidenschaftlosen Glückes. Und dieses Mädchen tut nichts weiter …, als es so zu spielen, dass dies zu spüren ist, all dies ist zu spüren, sogar in Miss Marsalles‘ Wohnzimmer…“ (Fischer-Tb., S. 377)

„Die Mütter sitzen da, und auf ihren Gesichtern spiegelt sich Protest, eine tiefere Besorgnis als zuvor, als seien sie an etwas erinnert worden, von dem sie vergessen hatten, dass sie es vergessen hatten“ (377f.)

Das Stück, das das Mädchen gespielt hat, trägt den Titel: „Der Tanz der seligen Geister“. Und so könnte es geklungen haben:

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